SCV

Schwäbischer Chorverband » Impulse zur Chorpraxis » Kinderchor

Kinderchor

Alles auf Anfang: Haben Sie Kinder?

(von Prof. Robert Göstl)

Falls Sie diese Frage mit „ja“ beantworten, müsste man jetzt noch weiterfragen, wie alt die sind, um genauer zu erfahren, wie ihre Gefühlslage bei dieser Frage ist. Aber im Grunde genommen ist es egal, ob sie erst vor kurzem Eltern geworden sind (herzlichen Glückwunsch!) oder ob sie gerade mit den aus dem Kindergarten eingeschleppten Krankheiten kämpfen oder ob sie erste Berührungen mit dem „Ernst des Lebens“ in der Grundschulzeit erleben oder ob sie den steigenden Druck am Übergang zu weiterführenden Schulen spüren oder ob sie kopfschüttelnd die Kapriolen ihres pubertierendes Nachwuchses bestaunen oder ob sie gerade knapp bei Kasse sind, weil sie ein Studium (selbstverständlich im Ausland) finanzieren müssen oder ob sie all das bereits hinter sich haben und deshalb diesen ersten Absatz bis hierher lächelnd lesen konnten. Egal ist all das deshalb, weil sie sich in gleich welcher Lebens- bzw. Elternphase für ihre Kinder vor allem eins wünschen: dass ihre Kinder gesund bleiben (werden) und glücklich sind (werden). So einfach ist das.

So einfach ist das – gesund und glücklich. Ja, so einfach ist das im Grunde genommen auch, wenn wir als Chorleute (Verbandsfunktionäre, Vorstände, Chorleiter, Jugendbeauftragte, Musiklehrer, Stimmbildner) überlegen, was denn im Singen mit Kindern eigentlich wichtig ist und was wir uns wünschen. Es kommt im Kern aufs Gleiche raus: die Kinder sollen in ihrem Singen und Musizieren gesund bleiben (werden) und glücklich sein (werden).

„Stop!“, mag da mancher sagen, „Mir geht es doch auch um die Lösung meines Nachwuchsproblems in meinem Gesangsverein und um eine moderne Außendarstellung unserer Arbeit, außerdem um mehr Publikum für unsere Auftritte?!“.

Ich will hier gleich zu Beginn Farbe bekennen und deutlich sagen: meine feste Überzeugung ist es, dass eine nachhaltig funktionierende und blühende Kinder- und Jugendarbeit im Chorbereich nur dort gelingen kann, wo all diese letzten Gründe nicht die Grundmotivation der Bemühungen sind, sondern lediglich angenehme und erwünschte Nebeneffekte. Andersrum, positiver gesprochen: wo der junge Mensch und sein Wohl im Mittelpunkt steht, haben wir eine reelle Chance, ihn dauerhaft für unsere Sache – das Singen in Gemeinschaft – zu begeistern. Wünschen sie sich also einfach, dass die ihnen zum gemeinsamen Singen anvertrauten Kinder gesund bleiben (werden) und glücklich sind (werden). Zwar ergibt sich alles andere dann nicht von ganz alleine und schon gar nicht immer gleich, aber sie werden staunen, wie viele der gewünschten Effekte sich einstellen.

Da sie diese Seite aufgerufen haben und falls sie bis hierher gelesen haben, sind sie bereits im weitesten Sinne im Bereich Kinder- und Jugendchorarbeit tätig oder sie haben vor, demnächst aktiv zu werden. Ich möchte sie an dieser Stelle einladen, jetzt nicht sofort weiterzulesen, sondern Papier und Bleistift (oder Tastatur) zur Hand zu nehmen und zu dieser Ausgangsüberlegung ein paar Notizen zu machen. Beantworten sie (wie gesagt wenn möglich schriftlich) folgende Fragen:

  • Kann ich zum bisher Gesagten „ja“ sagen?
  • Wenn nicht zu allem – wozu schon, wozu nicht?
  • Ist in meiner Arbeit tatsächlich das Wohl der Kinder und Jugendlichen Hauptbeweggrund?
  • Wenn ja – wie vermittelt sich das den Kindern, den Eltern und der Öffentlichkeit?

Danke für Ihre aktive Mitarbeit!

In Zeiten der inflationär erscheinenden Ratgeber in Papierform und digital im Netz ist die Definition von „gesund“ nicht unbedingt eindeutig und vor allem nicht unbedingt dauerhaft gültig; Beleg hierfür sind alleine die sich teils komplett widersprechenden Diät-Tipps. Dies ist in Bezug auf das Singen durchaus ähnlich, denn auch hier existieren sehr unterschiedliche Anschauungen, Ansätze und Arbeitsweisen. So lohnt es sich doch auch, für unser Themenfeld den Begriff „gesund“ zu hinterfragen, denn er bietet doch einen gemeinsamen Nenner, auf den man sich wohl einigen könnte. Gesundheit ist dabei nicht die Abwesenheit von Krankheit (obwohl das für manchen schon sehr viel wäre) und sie ist selbstverständlich nicht nur physisch zu verstehen. Für einen Menschen, der uns wichtig ist, wünschen wir uns im Sinne der Eingangsfrage also wohl unstrittig

  • körperliche Gesundheit
  • seelische Gesundheit
  • geistige Gesundheit

Einverstanden? Gut – dann lade ich sie wieder ein, mit ein paar Notizen konkreter zu werden und zu jedem der drei Felder drei Punkte zu notieren, die Gesundheits-Ziele im Singen mit Kindern und Jugendlichen sein könnten.

Danke für Ihre aktive Mitarbeit – seien sie gewiss: sie tun nicht dem Autor dieser Zeilen etwas Gutes, sondern sich :-)

Sicher ist es ihnen nicht allzu schwergefallen, drei Punkte in Bezug auf körperliche Gesundheit zu benennen, für die das Singen zuträglich sein kann. Meine drei wären:

  • Eine gute Körperhaltung beim Singen ergibt sich ideal aus einem Wechselspiel von Unverkrampftheit und positiver Spannung und zeigt sich am frei aufgerichteten Menschen. Flexibilität und Elastizität tragen zu positiver körperlicher Präsenz und – das halte ich für nicht übertrieben – zu einer positiven, selbstbewussten Ausstrahlung bei. Gemeinhin wird gute „Körperhaltung“ etwas verkürzt nur im Sinne von aufgerichteter Wirbelsäule, gutem Stand und freiem Atemapparat verstanden – erweitern wir das ruhig auf eine entspannt-spannungsvolle Mimik und natürliche, organische Gestik und Bewegung bis hin zur kleinsten Gewichtsverlagerung.
  • Singen ist Klang werdende, verlangsamte Ausatmung. Der fließende Atem trägt die Stimme und wird durch die Achtsamkeit auf das Klangergebnis auf natürliche und unbewusste Art geführt, nicht durch einen Willensakt gesteuert. Der Atem ist völlig zurecht zentraler Bestandteil vieler vor allem ostasiatischer Schulen der Achtsamkeit und so verstanden Quelle von Ruhe, Energie und Gesundheit.
  • Singen ist tatsächlich die gesündeste Form der Phonation (vereinfacht: stimmlichen Klangerzeugung). So ist ein kultiviertes Singen der Entwicklung des Stimmorgans wesentlich zuträglicher als das Sprechen. Eine gesunde, gut geführte Stimme spielt im menschlichen Miteinander vom persönlichsten und intimsten Bereich bis hin zur Arbeitswelt eine entscheidende Rolle dafür, wie man wahrgenommen wird – letztendlich also auch dafür, wie man behandelt wird. Für manche Berufe finden bewusst stimmliche Eignungsprüfungen statt, in vielen anderen Bewerbungsverfahren entscheiden Verantwortliche auch nach dem Klang der Stimme, selbst wenn ihnen dies in keinem Moment bewusst ist.

Ein Modebegriff, der deshalb, weil er in Mode ist und etwas inflationär gebraucht wird, nicht weniger bedeutsam ist, hält diese drei Punkte der körperlichen Gesundheit wie eine Klammer zusammen: Achtsamkeit. Im Singen lernt der (junge) Mensch, achtsam mit seinem Körper umzugehen.

Bewusst nicht in diese drei Punkte aufgenommen ist ein Aspekt, der hier dennoch erwähnt werden muss: Leider gab und gibt es im Kontext von Kinder- und besonders von Knabenchören den Vorwurf und erwiesene Tatbestände des körperlichen Missbrauchs. Zum Glück arbeiten heute unter anderem die Chorverbände und die Chorjugenden aktiv daran mit, solche unverzeihlichen und schlimmen Dinge in Zukunft möglichst zu vermeiden. Wichtig bleibt festzuhalten, dass zwar vielleicht strukturelle Gegebenheiten im Kontext Chor Missbrauch begünstigen können, dass dies aber mit dem eigentlichen Singen in Gemeinschaft nichts zu tun hat und den eingangs formulierten Anliegen diametral zuwiderläuft.

Da missbrauchte Körper auch automatisch geschundene Seelen bedingen, ist dieser traurige Aspekt gleich eine gute Überleitung zum Bereich seelischer Gesundheit. Wir wenden den Blick wieder zum Positiven und so seien hier drei Punkte benannt, welche das Singen gerade auch (aber nicht nur) in Gemeinschaft zur seelischen Gesunderhaltung und Gesundung beitragen kann.

  • Was sich bei Chören, die beinahe ausschließlich auf Wettbewerbe hin orientiert sind, ins negative Gegenteil verkehren kann, hat einen absolut positiven Kern: ein Ziel erreichen, eine Leistung erbringen, eine Hürde oder Schwierigkeit meistern – all diese Erlebnisse bringen Zufriedenheit und sind mit positiven Erlebnissen im Sport sehr wohl zu vergleichen. Es wäre falsch, die Natur des Menschen, der sich mit anderen messen will, zu negieren. Und selbst das Scheitern an solch einem Ziel oder ein Moment der Niederlage bringt einen bei guter Begleitung weiter, denn entscheidend ist nicht, ob man hinfällt, sondern ob man wieder aufsteht und im besten Fall die gleichen Fehler nicht noch einmal macht.
  • Manche Menschen meinen, sogar die Schwingungen von Mineralien/Steinen wahrzunehmen, und ich würde dies keinesfalls ins Lächerliche ziehen wollen. Aber wie die Leistung im Sport ein Aspekt ist, der im Singen nicht nur eine Rolle spielen darf sondern sogar eine Rolle spielen muss, so sind Schwingungen im Spirituellen oder auch Esoterischen ein Phänomen, das im Singen eine Entsprechung hat. Sich auf sich selbst einstellen und einschwingen, sich auf andere einstellen und einschwingen und dabei Harmonie und Gleichklang erfahren, reicht für manchen als Motivation zum Singen bereits alleine aus. Und die verschiedenen Arten von Schwingungen, über die wir hier sprechen, reichen von der physikalischen Schallwelle über Untersuchungen zur Synchronisierung des Herzschlags in einem Chor bis hin zu den Dingen, die niemand beweisen aber halt eigentlich auch niemand widerlegen kann.
  • Auszudrücken dürfen, was in einem steckt, soll als letzter Punkt angesprochen werden. Da das Singen vielfältige Dimensionen und Emotionen berührt, vermag es auch zu helfen, besonders jungen Menschen Sehnsüchte, Wünsche, aber auch Ängste und Abgründe zu zeigen, die in einem schlummern – teils still und unentdeckt, teils laut und rebellierend. Ob in Religion oder Therapie: solchen Urbedürfnissen des Menschen Ausdruck zu verleihen, gehört unabhängig von der Weltanschauung und weitgehend unbestritten zu den möglichen Wegen, Seelen gesund zu erhalten und zu heilen. Im Singen geschieht in dieser Hinsicht viel.

Nach dem Körper und dem Herzen kommen wir nun zum Hirn, denn auch für diesen Teil des Menschen spielt Singen eine mittlerweile auch wissenschaftlich gut belegte, positive Rolle.

  • Einer der entscheidenden Unterschiede zum Musizieren am Instrument ist in der Vokalmusik die Tatsache, dass wir es immer auch mit Texten zu tun haben. Nun müssen diese nicht immer tiefschürfend und bedeutungsvoll sein, aber wenn man die ganze Bandbreite an Vokalmusik betrachtet, dann sind sie es häufig doch. Kinder und Jugendliche mit Texten von Liedern und größeren Werken zu konfrontieren, die sie geistig weiterbringen, ist eine wertvolle Aufgabe. Ob es dabei um die Bildhaftigkeit der Sprache, um sprachliche Stilmittel oder auch um verbale oder lautmalerische Spielereien geht, ist nebensächlich – jedenfalls wird sprachliche Entwicklung und Verständnis gefördert. Und eines sollten Liedtexte deshalb zumindest nie sein (sind es aber leider manchmal): verdummend.
  • Der Vorgang des Singens ist komplex und erfordert neben den körperlichen Aktivitäten in Atem- und Stimmapparat auch enorme Hirntätigkeiten. Zum einen erfolgen diese zur Steuerung der genannten körperlichen Vorgänge und vor allem auch in der hörenden Verarbeitung, zum anderen sind sie nötig zur Bewältigung der geistigen Herausforderungen wie visuelle Verarbeitung von (Noten)Text oder auswendiges Beherrschen der Lieder, zum dritten läuft in anderen Hirnregionen aber gleichzeitig eine vielfältige emotionale Verarbeitung ab. Hirnforscher wissen über Details zwar noch nicht alles aber mittlerweile doch viel zu berichten. Landläufig lässt sich der Gewinn zumindest darstellen als die Vernetzung der beiden Hirnhälften und das daraus resultierende Training.
  • Zu den musikalisch-technischen Parametern und der emotionalen Ebene tritt im geistig fordernden und damit fördernden Bereich noch ein weiterer. Wenn Musik nicht nur unserer Tage und nicht nur eines Genres gesungen wird, lässt sich aus den verschiedenen musikalischen Epochen auch historisch sehr viel lernen. Mein Lieblingsbeispiel: schauen sie doch mal nach, was der historische Hintergrund des Liedes „Es geht ein dunkle Wolk herein“ ist. So viel sei verraten: es handelt sich nicht um einen Wetterbericht des ausgehenden Mittelalters. Und natürlich soll das Lied „Im Märzen der Bauer“ nicht trotz der Tatsache, dass heute (bei uns!) kaum mehr ein Bauer die Rösslein einspannt, gesungen werden, sondern genau wegen dieser Tatsache. Geschichtsunterricht im Singen findet spielerisch und nebenbei statt – ganz so, wie Didaktiker es gerne haben.

Es gibt in jedem Bereich viele Gründe und Themenfelder mehr. Hier reißen wir an, machen wir (hoffentlich) Lust auf mehr, aber erschöpfend abhandeln lässt dies alles nicht.

Interessiert am „Glück im Singen“?

 

Beim „Glück“ wird es etwas schwieriger. Wir werden hier nicht eine Frage, die Philosophen über Jahrtausende beschäftigt hat, damit lösen, dass wir behaupten: Singen alleine macht glücklich! Wenn für das Singen geworben wird, klingt das aber manchmal beinahe so und – ehrlich gesagt – mir wird dann immer sehr schnell unwohl. Nein, ich lege mich auch hier fest:

  • Singen alleine macht (leider) nicht glücklich (die gegenteilige Annahme ist Gesangs- und Chorpädagogen-Irrtum Nr. 1)
  • Auch ohne Singen kann man sehr wohl sehr glücklich werden (wiederum die gegenteilige Behauptung stellt Gesangs- und Chorpädagogen-Irrtum Nr. 2 dar).

Sicher sind wir choraffinen Menschen der Überzeugung, dass ein Mensch, der in Gemeinschaft singt, dadurch glücklicher werden kann, als er es ohnehin schon ist. Aber wenn man für eine Sache werben will, sollte man nicht zu viel und vor allem nichts Falsches versprechen. Und es reicht doch völlig, ein Stück vom Glück im Angebot zu haben.

Einigen wir uns vielleicht auf folgende Punkte, die Glück im Singen bedeuten können, oder zumindest glückliche Momente: ich kann Glück empfinden

  • darüber, dass ich Gelingen im Kleinsten wie im Großen erfahre
  • darüber, ganz eins mit mir selbst zu sein
  • darüber, ganz in einer Gemeinschaft aufzugehen

Sie kennen das jetzt schon: bitte notieren sie zu diesen drei Punkten wieder jeweils drei konkrete Dinge, die in gelungener Kinder- und Jugendchorarbeit solche Glücksmomente auslösen oder bedeuten können – gerne auch ganz konkrete Beispiele aus ihrer Arbeit! Dies dürfte in Erinnerung an die oben genannten Punkte zum Komplex „Singen und Gesundheit“ nicht schwerfallen, denn manche Verbindungen wie z.B. „Leistung“ und „Momente des Gelingens“ liegen auf der Hand, und doch geht es etwas weiter, wird vor allem noch einmal konkreter. Und weil sie es machen, wird es so persönlich wie möglich :-)

(Hier ein Hinweis am Rande: wir machen uns viel zu selten bewusst, was bei uns bereits gelingt, und grübeln viel zu oft darüber nach, was defizitär ist! Kehren sie’s um – tut gut!)

Danke für Ihre aktive Mitarbeit!

Hier würde ich die Struktur der drei Punkte zu jedem der drei Bereiche gerne verlassen und sie damit auch ein wenig sich selbst überlassen. Nein, nicht weil ich zu faul bin, sondern aus gutem Grund: sie haben an den in diesen Beitrag eingeflochtenen Aufgabenstellungen gemerkt, dass es mir nicht um die Verbreitung bewährter Rezepte und Handlungsanweisungen geht, sondern um einen Prozess der Bewusstseinsbildung. „Kinderchorarbeit – für die Kleinsten haben die größte Verantwortung“ war das mir gestellte Thema. Und diese Verantwortung kann man nur wahrnehmen, wenn man sich und sein Tun selbst hinterfragt und daraus zu Standpunkten und Arbeitsweisen findet, auch zu einer entsprechenden Literaturauswahl. Sie werden in diesem Sinne Glücksmomente dann erzeugen können, wenn sie weitergeben, wofür sie selbst brennen und worüber sie selbst Glück empfinden – was ich, der Autor dieser Zeilen, als glücklich empfinde, ist für sie unter Umständen höchst irrelevant.

Unter diesem Vorbehalt darf hier eine kleine Beispielsammlung oder besser gesagt Referenzsammlung dennoch nicht fehlen. Kein Anspruch auf Vollständigkeit, kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Aber ein Anspruch soll deutlich werden: glückliche Momente eines Menschen machen auch andere glücklich.

  • Momente des Glücks dürften es sein, die Kinder veranlassen, „Lieblingslieder“ oder „Lieblingsstücke“ für sich zu definieren. Ich schalte in meine Chorarbeit regelmäßig Phasen ein, in denen ich nach solchen Lieblingsstücken frage und sie dann auch singen lasse; leider bin ich zu wenig konsequent damit, dies von Woche zu Woche als Geburtstagswunsch abzufragen. Wie regelmäßig auch immer sie das in ihrer Arbeit schaffen – machen sie es! Es würde mich wundern, wenn sie nicht ähnlich überraschende Nennungen bekämen, wie ich sie immer wieder erlebe. Es gibt fast kein Stück, das nicht für irgendein Kind Lieblingsstück wäre. Selbst wenn harte Arbeit zur Einstudierung nötig war oder auch wenn eben nicht alle anderen auf das Stück „geflogen“ sind – was da an kurzem Glück erfahren wird ist sehr unterschiedlich und es ist vor allem höchst individuell. Und die Vielfalt der Rückmeldungen macht mich glücklich.
  • „Besonders im Sommer muss ich meine Tochter doch immer dazu überreden, zur Chorprobe zu gehen, und oft sind wir noch nicht einmal mit den Hausaufgaben fertig. Aber ich bin davon überzeugt, dass das wichtig und richtig ist, denn sie kommt jedes Mal singend heim, ist ein ausgeglichener und fröhlicher Mensch.“ (Beinahe) wörtliches Zitat einer Mutter, stellvertretend für doch viele aus den letzten Jahrzehnten. Momente ausgeglichenen und fröhlichen Lebens rechtfertigen Einsatz, Aufwand und Arbeit. Mich macht so etwas glücklich.
  • Vielleicht kennen sie auch das: Ein Kind kommt in den Chor, trifft anfangs keinen Ton und auch nach einigen Wochen wird es kaum besser. Es darf weiter mitsingen, sie helfen mit allen Tricks, die sie gelernt und über die Jahre erfahren haben, aber es dauert und dauert und sie sind nahe daran, zu resignieren. Und dann – auf einmal und beinahe schon unerwartet – öffnet sich die imaginäre Tür und eine kleine Melodie kommt klar und sauber aus dem Mund dieses „Brummers“! Sie strahlen, er strahlt zurück – so einfach ist das mit dem Glück.

Beinahe haben sie die Lektüre dieses Artikels nun geschafft…

Wie also schafft man als Chorleiter glückliche Momente?

Wie sorgt man als Gesangspädagoge oder Musiklehrer für körperlich, seelisch und geistig gesunde Entwicklung bei jungen Menschen?

Noch einmal möchte ich hierzu einen „Dreisatz“ vorschlagen, der zumindest die zentralen Bereiche benennt.

Ohne Handwerkszeug geht nichts. Wer mit Kindern und Jugendlichen sängerisch arbeiten will, muss wissen und üben, was er tut. Auch wenn die Defizite nach wie vor groß sind – man denke z.B. an die zu vielen fachfremd Musik unterrichtenden Lehrkräfte besonders an vielen Grundschulen Deutschlands: es hat sich viel getan und mittlerweile ist es durchaus möglich, sich eine solide Ausbildung zu verschaffen. Je nach fachlicher Vorbildung gibt es Lehrgänge bei den Kirchen und bei Chorverbänden, an Landesmusikakademien und auch an den Bundesakademien. Wer sich darüber hinaus qualifizieren möchte, kann an einigen wenigen Hochschulen in Deutschland sogar schon berufsbegleitende Masterstudiengänge belegen, die kein Präsenzstudium mehr verlangen.

In einer guten Ausbildung müssen folgende Fächer und Themen enthalten sein:

  • Stimmbildung für die eigene Singstimme
  • Theoretische Grundlagen der Stimmbildung
  • Methodik der Stimmbildung für Kinder und Jugendliche mit praktischen Übungen
  • Gestische Singleitung und Dirigieren
  • Literaturüberblick für verschiedene Lebensalter und Zielgruppen
  • Chorpraktisches Klavierspiel
  • Methodik der Lied- und Werkerarbeitung
  • Vor allem: die Möglichkeit zu eigenen praktischen Übungseinheiten mit Kindern

Zu all diesen und zu aber auch sehr speziellen Themen sollte man sich dann ein Leben lang fortbilden. Auch hier ist das Angebot in den letzten Jahren stark gewachsen – wiederum sind Akademien und Verbände gute Anlaufstellen, bei denen man in den meisten Regionen Deutschlands Workshops, Vorträge und Seminare finden kann. Immer mehr Vorstände von Chören und Gesangsvereinen verstehen auch, wie wichtig diese Fort- und Weiterbildung ist, und beteiligen sich teils großzügig an den dafür entstehenden Kosten. Die Übernahme von Kursgebühr und Reisekosten ist eine der lohnendsten Investitionen. Das ist neben der angemessenen Honorierung von Chorleitern ein nicht zu unterschätzender Punkt im Sinne der „… größten Verantwortung…“, von der in diesem Beitrag die Rede ist.

Das beste und aktuellste Handwerkszeug hilft nichts, wenn nicht ein profunder ideeller, pädagogischer und (ich möchte fast sagen) philosophischer Hintergrund vorhanden ist. Hier muss an dieser Stelle der Verweis auf die eingangs ausgeführten Überlegungen ausreichen, auch wenn es zu diesem Thema noch viel zu sagen gäbe. Denn selbstverständlich stellen sich diese Überlegungen jeweils sehr anders dar, wenn man entweder einen Kinderchor in einem Gesangsverein betreut oder einen Schulchor an einer Schule oder auch einen kirchlichen Kinder- und/oder Jugendchor. Wer aber immer auf der Fährte bleibt, das zu tun, was gesund ist und Freude bereitet (Freude – denn Spaß ist etwas Anderes und greift wesentlich zu kurz), wird so verkehrt nicht liegen. Ein Querverweis für Interessierte: Sollten sie diese Zeilen angesprochen haben, darf ich sie einladen, gut 48 Minuten zu investieren und einen Vortrag zu sehen, den ich im Februar 2016 in Leipzig gehalten habe.

https://www.youtube.com/watch?v=KHLpXfNHGH4

Relativ neu ist eine höchst erfreuliche Tendenz, die auf ein laufendes Hinterfragen der eigenen Arbeit in zwei Richtungen zielt – es geht um Hospitation und Coaching. Bei Kolleginnen und Kollegen zu hospitieren, ist eine hervorragende Möglichkeit, zu lernen und gleichzeitig die eigene Arbeit zu spiegeln. Das lässt sich meist auch ohne größeren Aufwand realisieren und bei Anfragen reagieren fast alle Kolleginnen und Kollegen wesentlich offener, als man das zunächst vermuten möchte. Außerdem hat die Hospitation den entscheidenden Vorteil, dass man sie passiv „konsumieren“ darf und deshalb stressfrei und ohne Druck in diese Phasen geht. Dies sieht bei Coaching etwas anders aus, denn im Idealfall sieht sich der Coach die Arbeit des Chorleiters vor Ort an und gibt aus diesen Beobachtungen heraus Feedback und Tipps für die weitere Entwicklung; es wird also weniger der Chor als der Chorleiter gecoacht. Nun ist es nicht jedermanns Sache, sich den Augen und Ohren eines Profis auszusetzen und dann (vielleicht auch noch vor dem eigenen Chor!) offene, vielleicht auch kritische Rückmeldung zu bekommen. Aber diese Form des Lernens setzt sich aus zwei Gründen immer mehr durch: sie ist mit Abstand die effizienteste und nachhaltigste Form der Weiterbildung und es gibt auch immer mehr gut geschulte Coaches, die mit dieser sensiblen Situation geschickt und positiv verstärkend umgehen können.

Herzlichen Dank dafür, dass sie bis hierher durchgehalten und weitergelesen haben – sie haben es tatsächlich geschafft!

Jetzt allerdings kommt der entscheidende Schritt: was auch immer sie sich aussuchen – sie müssen es tun! Werden sie dieser wunderbaren Verantwortung gerecht und lesen sie Bücher, schauen sie Videos oder melden sie sich für Kurse an! Setzen sie sich im Vorstand zusammen und überlegen sie, wie ihre Chorleiter gefördert werden können! Die Arbeit wird für alle leichter, die Ergebnisse werden mittelfristig (man braucht einen langen Atem) überzeugend sein und danken werden es ihnen diejenigen am meisten, um die es geht: unsere Kinder und Jugendlichen – unsere Zukunft!

 


 

Im Bereich Chor und Stimme zählt Robert Göstl zu den international gefragten Spezialisten. Er studierte Kirchenmusik und Chordirigieren unter anderem bei Roland Büchner und Jörg Straube. 10 Jahre war er musikalischer Leiter der Vorchöre der Regensburger Domspatzen. Eine umfangreiche Referenten-, Dirigenten und Jurytätigkeit bildet den Schwerpunkt seiner freiberuflichen Tätigkeit in Europa, Lateinamerika und Asien. Seit 2008 Professor für „Singen mit Kindern“ an der Hochschule für Musik in Köln, vertrat er dort 2009-2013 auch das Fach Chorleitung. Von 2010 bis 2014 übernahm er die künstlerische Leitung des Deutschen Jugendkammerchors. Er ist künstlerischer Leiter des Kammerchores vox animata (www.vox-animata.de) und Mitglied im Artistic Council des europäischen Profichor-Netzwerks Tenso. Wichtig ist ihm neben all diesen Dingen die Erdung an der Basis durch die Leitung des Kinderchores und des gemischten Chores in seinem Heimatort Deuerling (www.singkreis-deuerling.de ). Als Autor hat er seine Erfahrungen in zwei gefragten Standardwerken niedergelegt („Singen mit Kindern“ und „Chorleitfaden“ Band 1 und 2 – ConBrio, Regensburg http://www.conbrio.de/content/buch/chorleitfaden-0 ). Mehr zu seiner Arbeit und Person findet sich unter www.robert-goestl.de sowie unter https://www.facebook.com/profrobertgoestl/


Hilfreich für die Chorpraxis sind u.a. auch:

©2017 Schwäbischer Chorverband - Geschäftsstelle im SpOrt Stuttgart (4ter Stock) Fritz-Walter-Weg 19 70372 StuttgartTelefon: 0711 46 36 81 oder 0711 2201682 - Telefax: 0711 48 74 73 - Kontakt - Impressum - AGB - Datenschutz buetefisch marketing & kommunikation & agentur einfachpersönlich